Der verdeckte Narzisst ist gefährlicher als der offene Narzisst, weil man ihn nicht auf den ersten Blick erkennt.

Woran erkennt man einen verdeckten Narzissten?

Die Diagnosekriterien der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Der Narzisst, auch der verdeckte Narzisst, trägt Masken, die sein wahres Ich verschleiern. Die Masken des verdeckten Narzissten ähneln denen des „offenen“ Narzissten, sind aber brüchiger.

Hier wird versucht, den verdeckten Narzissmus in die Diagnosekriterien des DSM der American Psychiatric Society einzuordnen (DSM-5):

1. Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (z. B. übertreibt die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).

Der verdeckte Narzisst tritt eher bescheiden auf und stellt sein Licht unter den Scheffel. Er hat im Unterschied zum offenen Narzissten auch weniger Erfolg im Beruf etc. 

Man merkt aber nach gewisser Zeit, dass er immer wieder andere Menschen abwertet. Sein Chef ist ein ignoranter Aubeuter, seine Kollegen unfähig, die Konzertbesucher verstehen nichts von Musik, im Verkehr befinden sich lauter … etc. Schnell gerät man in Gefahr, auch von ihm abgewertet zu werden. Im Grunde hält er sich zwar für einen Versager, aber er geriert sich wie ein verkanntes Genie. Die Maske der Selbstüberhöhung durch Abwertung anderer verdeckt sein schwaches Selbstwertgefühl und seinen Selbsthass, den er aber auch immer wieder zum Ausdruck bringt.

2. Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.

Der verdeckte Narzisst träumt von einem Leben, das seinem realen Leben diametral entgegen gesetzt ist. Sein Leben gefällt ihm nicht und er versucht es einfach auszublenden, so gut es geht. Seine Ansprüche an sich und andere sind sehr hoch und er sieht sich im Grunde außerstande, all das zu erreichen, wovon er träumt. Das Erreichbare hat für ihn keinen Wert. Er will den ganz großen Erfolg, die ganz große Liebe, die perfekte Frau, sofern er ein Mann ist (am besten aus dem Modekatalog, 24h mit perfektem Make-up und bitte ohne Photoshop) oder den perfekten Mann.

Der verdeckte Narzisst selbst genügt seinen Ansprüchen jedoch in keiner Weise. Er sieht auch nicht, dass er seine Träume durch kleine Schritte erreichen kann, sondern träumt vom Leben der Reichen und Schönen über Nacht und ohne Anstrengung. Denn er erkennt nicht an, dass hinter Erfolg in allen Lebensbereichen harte Arbeit und Durchhaltevermögen steckt. Er glaubt auch nicht daran, dass er seine Lebenssituation überhaupt aus eigenem Vermögen verbessern kann, da er sich ja im Grunde für einen Versager hält.

3. Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.

Der Narzisst hat von Kindheit an das Gefühl, anders zu sein. Er wuchs mit dem Gefühl auf, nie genügen zu können und nicht geliebt zu werden. Dieses Gefühl des Ausgestoßen-Seins hat er mit der Maske überdeckt, den anderen überlegen zu sein, aber aufgrund deren Ignoranz nicht in seiner Überlegenheit erkannt zu werden. Diese Maske überdeckt sein fragiles Selbstwertgefühl und sein wahres Ich, das sich für unterlegen, schwach, nicht liebens- und anerkennungswert hält.

4. Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.

Der Narzisst, auch der verdeckte, ist stets auf der Suche nach Anerkennung und Bewunderung. Er braucht davon so viel, dass es ein Fass ohne Boden ist. Es reicht eigentlich nie. Und selbst wenn ihm diese Bewunderung zuteil wird, hält er sie oft für falsch, weil er sich im Grunde nicht für liebenswert hält. Der Bewunderer wird dann abgewertet, weil es ja gar nicht sein kann, dass ihn irgendjemand wirklich liebt und bewundert. Wenn ihn jemand liebt und bewundert, wertet er so sehr ab, bis der andere sich verletzt zurück zieht, was ihn dann in der Annahme bestätigt, dass der andere ihn eigentlich gar nicht wirklich liebte und bewunderte.

5. Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).

Der verdeckte Narzisst überfordert den anderen mit seinen Ansprüchen an die perfekte Liebe. „Mein“ Narzisst sagte z. B. , eine Frau oder ein Freund müssten bereit sein, alles mit ihm zu teilen, ihm alles zu sagen und für ihn zu sterben, ständig für ihn verfügbar sein etc. Wurden ihm Grenzen aufgezeigt, fühlte er sich ungeliebt und reagierte mit Abwertung.

6. Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (d. h. zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).

Weil er sich im Grunde für nicht liebenswert hält, vermutet der verdeckte Narzisst immer schlechte Absichten und Motivationen in anderen Menschen. Er misstraut grundsätzlich. Andere Menschen nimmt er als ihm feindlich gesinnt wahr. Er hält sich selbst für den Ausgebeuteten und Unterlegenen. Wenn er dann von den anderen nimmt oder sie für seine Zwecke instrumentalisiert, ist das aus seiner Sicht nur die gerechte Entschädigung oder Strafe.

7. Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.

Der verdeckte Narzisst befindet sich in einem Dauerzustand des emotionalen Kampfes mit sich und seinen Mitmenschen. Der verdeckte Narzisst hält seine Umwelt und andere Menschen für bedrohlich und ihm feindlich gesinnt. Er unterstellt stets schlechte Absichten bei anderen. Er ist schon fähig, mit anderen Menschen mitzufühlen, wenn er sich gerade in einem Zustand relativer Ruhe und Ausgeglichenheit befindet. Dieser währt jedoch meist nicht lange, da seine negativen Gefühle und die negative Weltsicht immer wieder sehr stark zum Ausdruck kommen. In diesen Phasen der emotionalen Instabilität ist er im „Kampfmodus“ und in diesem ist sein Mitgefühl praktisch ausgeschaltet. Da geht es ihm nur noch um Selbstrettung. Es ist wichtig zu verstehen, dass der verdeckte Narzisst sich für das Opfer und den Unterlegenen hält. Er handelt aus seiner Sicht aus Notwehr und Enttäuschung über das Fehlverhalten anderer.

8. Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.

Der verdeckte Narzisst lebt mit dem Gefühl, das Leben hätte ihm grundlegende Dinge vorenthalten. In ihm besteht eine innere Leere und Enttäuschung über andere Menschen. Er kann nichts und niemandem vertrauen, da er in seiner frühkindlichen Entwicklung kein Urvertrauen erlangte oder dieses zerstört wurde. 

Er wurde als Kind nicht oder nur unzureichend geliebt, anerkannt und gefördert. Zuverlässigkeit hat er kaum erlebt. Seine Bedürfnisse wurden anhaltend missachtet.

Er neidet daher anderen Menschen das, was er selbst zu entbehren glaubt. Das ist so ziemlich alles.

9. Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Weil die Welt und andere Menschen ihm nicht gaben, wonach er verlangte, wertet er diese ab. Damit kaschiert er seine Bedürftigkeit und das Gefühl, nicht zu genügen, s.o. Die Auswirkung ist aber, dass er durch sein Verhalten genau die Ablehnung bei anderen Menschen provoziert, die er so sehr fürchtet und die ihn in seinem Selbsthass immer wieder bestätigen.