Was ist Narzissmus?

Der Begriff rührt von einer griechischen Sage. Danach war der schöne Jüngling namens Narziss so hochmütig und von sich selbst eingenommen, dass er alle Verehrerinnen abwies, auch die Bergnymphe Echo. Die Göttin Nemesis strafte ihn dafür mit unstillbarer Selbstliebe. Als er sich in einem Wasser spiegelte, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild, erkannte aber nicht, dass er es war. Bis zum Tod verzehrte er sich nach seinem unerreichbaren Spiegelbild.

Narzissmus Narzisst Narziss
Caravaggio creator QS:P170,Q42207, Michelangelo Caravaggio 065, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Im Zusammenhang mit Narzissmus denken viele an die übertriebene Beschäftigung einiger Menschen mit sich selbst, die sich bei vielen Personen des öffentlichen Lebens beobachten lässt: Künstlern, Models, Stars und Bodybuildern. Nicht wenige Jugendliche sind aber auch sehr stark mit ihrer äusseren Erscheinung beschäftigt und präsentieren sich unentwegt in den sozialen Medien. 

Pathologischer Narzissmus ist mehr als diese in unserer Selfie-Kultur üblich gewordene Selbstbespiegelung. Es ist eine Persönlichkeitsstörung, die das Leben der Person, die an ihr leidet, und derjenigen, die sich darauf beziehen, schwer beeinträchtigt: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung.  

Narzissmus ist die Liebe, die das Subjekt auf sich selbst richtet und sich selbst als Objekt der Begierde betrachtet. Wie im Mythos ist es die Liebe zum eigenen Bild des Narziss, der sich im Spiegel des Teiches betrachtet.

Es wird auch von primärem und sekundärem Narzissmus gesprochen. 

Primärer Narzissmus

Narzissmus Primärer Narzissmus Kind

Primärer Narzissmus ist von vorübergehender Natur, wenn das Kind sein Wesen noch nicht klar von den Objekten der Außenwelt unterscheidet und er sein eigenes und ausschließliches Objekt der Liebe ist.

Es ist der Zustand der „kindlichen Allmacht“.

Der Übergang von einem kindlichen „Ich“, das egozentrisch ist, zu einem „Ich“, das in der Lage ist, die Existenz eines differenzierten „Du“ zu erkennen und somit zu lieben und geliebt zu werden, markiert die Überwindung dieses primitiven Narzissmus.

Wenn aus verschiedenen, im Grunde traumatischen Gründen diese Phase der exklusiven Liebe zu sich selbst, des auf andere projizierten Selbstbildes, das für die frühe Kindheit typisch ist, nicht nur nicht überwunden wird, sondern zu einer extremen und pathologischen Fixierung wird, sprechen wir von sekundärem Narzissmus. 

Sekundärer Narzissmus

Narzissmus Sekundärer Narzissmus Mann

Dieser Zustand, der ein breites Spektrum abdeckt, kann zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen: Das Subjekt erscheint in seinem eigenen Ego selbstversunken, ignoriert die Bedürfnisse und Gefühle anderer und verlangt übermäßige Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Diese Pathologie würde im Wesentlichen auf schwerwiegende Probleme bei der Bildung des Selbst, des Selbst der Person, hinweisen, was die Grundlage, auf der der Aufbau des Selbstwertgefühls basiert, stark beeinträchtigt.

Das wahre „Ich“, die Grundlage des „Selbstverständnisses“, das jeden Menschen definiert, wurde durch ein idealisiertes Selbstbild ersetzt, eine Fassade, die sich vor anderen so präsentiert, als wären sie Spiegel. Der Narzisst ist in dieses Bild verliebt, das andere von ihm reflektieren.

Vor dem Narzisst gibt es kein differenziertes „Du“, sondern Erweiterungen von sich selbst, bloße Spiegel, die sein Bild widerspiegeln. 

Seine Existenz basiert auf dem aufgeblähten Bild, das er von sich selbst geschaffen hat, seinem „falschen Selbst“. 

Alle Gefühle, die Verwundbarkeit ausdrücken, wurden geleugnet und unterdrückt. Nur ein differenziertes „Ich“ ist fähig zu fühlen und zu lieben, affektive Bindungen mit einem „Du“ zu schaffen.

Narzisst Maske

Ein Bild hat keine Gefühle, es ist nur eine Maske

Der Narzisst zieht eine Identitätskrise nach sich, die ihre Wurzeln in den Traumata der Kindheit hat. Er weiß nicht wirklich, wer er ist. Er hat sich von sich selbst getrennt und lebt nur durch sein Bild. Im Inneren gibt es nur Unsicherheit, Leere und ein allgemeines Gefühl der Unzulänglichkeit, das gelegentlich an die Oberfläche seines Bewusstseins kommt, wie eine bösartige Stimme, die ihn quält, obwohl er es sehr selten, wenn überhaupt, wagt, darüber zu sprechen. 

Um diese Stimme, die ihn grausam quält, zum Schweigen zu bringen, um sein grandioses Bild zu erhalten, muss er sich von den emotionalen Reaktionen anderer ernähren, d.h. von der narzisstischen Zufuhr oder Fuel (Englisch für „Treibstoff). Darauf soll in einem anderen Beitrag näher eingegangen werden. 

Er weiß, dass das Bild, in das er „verliebt“ ist, nicht real ist, es ist nur eine Fiktion, und deshalb hasst er sich selbst tief in seinem Inneren und projiziert diesen Hass auf andere.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung nach dem DSM-5

Es gibt  verschiedene Diagnosekriterien für die narzisstischen Persönlichkeitsstorung, die von Psychiatern herangezogen werden. Die gebräuchlichsten sind im DSM-5 der American Psychiatrie Association enthalten (Kennziffer 301.81).

Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

1 Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (z. B. übertreibt die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).

2 Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.

3 Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.

4 Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.

5 Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).

6 Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (d. h. zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).

7 Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.

8 Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.

9 Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Die Narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist ein tiefgreifendes Muster von Großartigkeit (in Fantasie oder Verhalten), dem Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Einfühlungsvermögen. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und die Störung zeigt sich in vor allem in sozialen Beziehungen.

Narzisstische Wut

Betroffene sind zumeist durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent, haben aber – je nach Schweregrad der narzisstischen Persönlichkeitsstörung – Schwierigkeiten im sozialen Bereich.

Narzissmus – weitere Merkmale von Personen mit Narzisstischer Persönlichkeitsstörung

  • Sie sind leicht kränkbar und beziehen alles auf sich
  • Komplette Kritikunfähigkeit auch für konstruktive Kritik
  • Wenn sie gekränkt sind, verfallen sie in „narzisstische Wut“, die kaum vor etwas Halt macht. Verbale Gewalt und auch körperliche nicht auszuschliessen.
  • Verzeihen nichts
  • Arrogantes Auftreten
  • Ständige Abwertung anderer, um sich selbst zu erhöhen
  • Sie sind impulsiv und sagen immer, was sie gerade denken, auch wenn das andere beleidigt
  • Ob sie andere mit dem, was sie sagen kränken, ist ihnen gleichgültig.
  • Sie messen ständig mit zweierlei Mass. Was sie dürfen und sich zugestehen, würden sie anderen und insbesondere ihrem Partner nie gewähren
  • Andere müssen perfekt sein, sie sind es natürlich nicht
  • Haben wenig Durchhaltevermögen
  • Kontrollsucht und Dominanzverhalten
  • Kein oder wenig Vertrauen in andere
  • Neigung zum notorischen Lügen und Betrügen, auch wenn es gar keinen Vorteil für sie bringt
  • Sind schnell gelangweilt und auf Suche nach neuen Anregungen und Eroberungen
  • Untreue, Illoyalität resultierend aus ihrer Bindungsunfähigkeit
  • Unzuverlässigkeit
  • Emotionale Unzugänglichkeit
  • Liebe verstehen sie nicht oder sie macht ihnen Angst
  • Sie haben große Verlustsängste, lieber beenden sie zuerst Beziehungen aus Angst, verlassen zu werden (Selbstmord aus Angst vor dem Tod)
  • Öffnen sich nicht emotional
  • Beziehungsvermeider oder -flüchter
  • können schwer oder gar keine emotionale Nähe zulassen
  • Haben wenig Verständnis oder Mitgefühl für andere Menschen, können sich schlecht in diese hinein versetzen
  • Sie haben aber „kognitive Empathie“, mit der sie gewisse Gefühlszustände bei anderen ablesen können. Es fehlt ihnen aber das Mitgefühl, wenn es anderen Menschen schlecht geht
  • Sie haben eine negative Perspektive auf das Leben und ihre Mitmenschen, das Glas ist für sie immer halbleer.
  • Ihr Denken und Verhalten ist destruktiv für andere und sich selbst
  • sie sind „Nehmer“, geben fällt ihnen schwer
  • Hat ausschliesslich die eigenen Bedürfnisse im Blick
  • Narzissten fühlen sich von andern und vom Leben ungerecht behandelt, ohne Eigenanteile an ihrem Schicksal zu erkennen. Es fehlt ihnen generell an Selbstreflektion und Schuldbewusstsein
  • Haben mehr als andere Schwierigkeiten mit dem Alter und der Vergänglichkeit ihres Daseins
  • Inkonsistenz in Denken und Fühlen, ändern häufig ihre Meinung. Heute denken und fühlen sie so, morgen genau das Gegenteil. Sie widerrufen sich ständig. Grosse innere Unsicherheit

Im Beruf können Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung durchaus erfolgreich sein. Allerdings erschweren ihnen ihre mangelnde sozialen Fähigkeiten auch hier den Erfolg. Oft sind sie lustlos bei der Arbeit, fühlen sich zu Höherem berufen und zeigen kaum Eigeninitiative. Sie verbreiten schlechte Stimmung, können sich schlecht in Kunden, Mitarbeiter und Chefs hinein versetzen, die sie zumeist verachten. Daher halten sie es auch nicht lange in demselben Job aus und wechseln häufig den Job oder erfüllen gerade so ohne echte Begeisterung.

Begriffsklärung Blog

In diesem Blog geht es nicht um Narzissmus im umgangssprachlichen Sinn, sondern um die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Sofern von „Narzissmus“ die Rede ist, bezieht sich dieser Ausdruck immer auf die narzisstische Persönlichkeitsstörung

Wenn die Rede von dem „Narzissten“ ist, sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird aber auf die weibliche Form verzichtet.