Die narzisstische Depression

Kommt es vor, dass der Narzisst nicht nur sein aufgeblähtes Ich vor sich herträgt, sondern auch in eine narzisstische Depression verfällt und was versteht man darunter?

Wenn wir an die Narzissmus denken, stellen wir uns eine egoistische, arrogante Person vor. Eine Person, die sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch verhält und die in erster Linie Kontrolle sowie Macht über andere Menschen sucht.

Häufig jedoch vergessen wir die Tatsache, dass diese narzisstische Persönlichkeit eine leere Hülle ist, mit verschiedenen Masken, welche diese Tatsache verbergen sollen.

Was wir beobachten können ist, dass der Narzisst äußerlich eine fantasierte Grandiosität zum Ausdruck bringt. Diese scheinbare Grandiosität soll aber nur von einer unverbrüchlichen Tatsache ablenken:

Dass der Narzisst in seinem tiefsten Inneren verletzlich, zerbrechlich und voller Leere und Unzulänglichkeiten ist.

Der Narzisst bemüht sich, von außen etwas zu errichten, das er in seinem Inneren niemals errichten konnte.

Traurige Kindheit des Narzissten

Ein kleines Kind muss die Erfahrung machen, vom König des Universums, einer Zeit, in der seine Bedürfnisse automatisch befriedigt werden (normaler primärer Narzissmus), zu einer Phase hin zu gelangen, in der er mit seiner Mutter interagieren und lernen muss, wie er am besten diese Verbindung schafft.

Dieser Austausch mit seiner Mutter bildet die Grundlage dafür, dass das Kind lernt, seine Bedürfnisse, seine Gefühle etc. auszudrücken und einen Weg zu finden, wie diese befriedigt werden können. Das wäre die gesunde Entwicklung.

Aber, Wie Heinz Kohut, Ein Großer Psychoanalytiker und Narzissmusforscher feststellt, ist während dieser frühen Phase der Interaktion mit der Mutter etwas schief gelaufen. Der Grund liegt häufig in einer Zurückweisung durch die Mutter, deren frühem Tod ohne entsprechenden Ersatz, in dem Aufwachsen ohne oder mit wenig Liebe und Mitgefühl oder in einer unsicheren Bindung. Das Kind verfällt dadurch in eine anaklitische Depression, Wie René Spitz sie nennt.

Das Kind fühlt sich verlassen und in seiner totalen Verzweiflung kommt es auf sich selbst zurück und versucht, in einer masturbatorischen Art und Weise sich selbst alles zugeben, was er von seiner Mutter nicht erhält. In seiner Fantasie versucht er sich alles zu geben, was ihm verwehrt wurde.

Narzisstische Depression verlassenes Kind

Hinter der Maske des arroganten Narzissten steckt stets das abgewertete und verlassen Kind. Der Nazisst bewegt sich häufig zwischen den Polen depressiver und manischer Phasen hin und hier. Um seiner Traurigkeit und seiner Unfähigkeit, das Leben wirklich zu genießen, zu begegnen, flüchtet er sich häufig in Alkohol und andere Drogen.

Wut des Narzissten auf die Mutter

Auch wenn eher sich in seiner narzisstischen Wut gegen sein Umfeld richtet, welche er eigentlich auf seiner Mutter hat, kann er diese in seinen depressiven Phasen auch gegen sich selbst richten. Er kann sich verachtenswert und jeder Aufmerksamkeit und jeder Zuwendung unwürdig fühlen.

„Wenn ich nicht so schlecht gewesen wäre hatte sich meine Mutter mehr um mich gekümmert und hätte mich geliebt“.

Der Narzisst kann Selbstmord begehen, um einer Welt zu entfliehen, in der sich niemals willkommen gefühlt hat. Narzisstische Selbstmorde sind häufig sehr gewaltvoll, da der Narzisst versucht, jedes kleinste bisschen Leben, das noch in ihm stecken mag, auszulöschen. Wie Dr. Otto Kernberg sagt, ein Psychoanalytiker von Weltruf, haben narzisstische Selbstmorde oft berechnende, kalte und sadistische Züge. 

Narzisstische Depression zwischen fünfter und sechster Dekade

Wenige Depressionen sind schwieriger zu behandeln als diejenigen, die auf einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur beruhen.

Es ist charakteristisch, dass Narzissten in der fünften oder sechsten Dekade ihres Lebens in eine tiefe Depression fallen. Der Narzisst kollabiert dann, erschöpft von seiner Isolation. Dies hat häufig den Grund, dass er sich aufgrund seines Alters immer schwerer mit narzisstischer Zufuhr versorgen kann, die er meist aus zahlreichen Eroberungen zieht. 

Narzisstische Depression Erschöpfung

Aus seinem ständiger Kampf zwischen seinem vorgestellten Ich und der Realität fällt er in eine depressive Erschöpfung, aus der man ihn schwer herausholen kann. Das hat auch den Grund, dass in einer Therapie seine emotionale Wüste bearbeitet werden muss und dass der Narzisst häufig den Therapeuten bekämpft und verachtet. Ebenso wie seine Mitmenschen und letztlich auch sich selbst.

Der Narzisst ist nicht nur destruktiv im Umgang mit anderen, sondern auch mit sich selbst. 

Es fällt auf, wie negativ der Narzisst über die Welt und seine Mitmenschen denkt. Diese Negativität rührt aus seiner Kindheit des Narzissten, die voller  schmerzlichen Entbehrungen war. Er hat die Welt als schmerzvollen Ort kennen gelernt, in dem es keine bedingungslose Liebe, die ein Kind so dringend nötig hat, sondern nur Missbrauch und Mangel gab.